Ego - die derzeitige Persönlichkeit

Man sagt "Ich" zu sich selbst und meint damit eine Persönlichkeit, die einem ständigen Wandel unterworfen ist. Niemand ist noch derselbe, der er vor 20 Jahren war... Erfahrungen haben ihn geprägt, er hat Ansichten losgelassen oder neu gefasst, er hat Ängste entwickelt oder verloren, vieles, vieles geschieht im Laufe eines Lebens. Die sogenannte „Persönlichkeit“ ist ein Produkt der Gedanken und Gefühle, Überzeugungen und Neigungen.

Dieses "Ich" wird heute - gerade in der westlichen Welt - mehr denn je vergöttert und überbewertet, doch es kann uns niemals wirklich glücklich machen. Wer dieses "Ich" als Wirklichkeit annimmt und sich damit identifiziert, bringt sich in Distanz zu allem anderen. Es entsteht eine Kluft und daraus resultierend die Sehnsucht zurück. Jeder Mensch sehnt sich im Grunde zurück nach der verlorenen Einheit, denn die Tendenz zu immer neue Konzepten und Meinungen sperrt ein und führt in die Irre, denn sie bringen statt Lösungen ein Verheddern in neuem Gestrüpp, das Leiden erzeugt.

Wird man sich bewusst, dass die derzeitige Persönlichkeit aus Seifenblasen besteht, die keine Substanz haben und sich ständig wandeln, uns besuchen und verlassen, so verlieren sie ihren Ernst und ihre Dramatik. Man kann durch Wachheit, durch Selbstbeobachtung und immer wieder Loslassen das Ego läutern – die egoistischen Verhaltensweisen mildern, verknöcherte Haltungen ändern, das Erwachen geschieht jedoch allein dadurch noch nicht. Man kann so viele Jahre der inneren Arbeit zubringen, dennoch geschieht die erlösende Erfahrung nicht.

Der Knackpunkt des Ganzen ist ja nicht, das Ego in einem heroischen Kampf oder im ständigen Kleinkrieg zu besiegen, zu zerstören oder völlig zu beseitigen – das ist eine Unmöglichkeit! Die Identifizierung mit diesem vermeintlichen Ego muss aufhören! Es geht um eine innere Weigerung, es weiter als wirklich anzuerkennen. Man sagt zu sich bei jedem Gedanken, der sich um dieses vermeintliche Ego (übrigens mitsamt dem Körper) dreht: das bin ich nicht. Nicht wirklich. Aber wer bin ich dann?

Wer sich diese Fragen immer und immer wieder stellt, der kommt an einen Siedepunkt, der zum Erwachen führen kann. Und wenn dieses Erwachen geschieht – erst dann – verliert das Ego seine Macht. Ganz spontan, ganz unerwartet, und absolut befreiend und entspannend. Dann erst weiß man es nicht nur intellektuell, sondern existentiell, dass es dieses vermeintliche Ich nicht gibt! Gleichzeitig weiß man es mit seinem ganzen Sein, wer man eigentlich ist. Doch diese Erfahrung ist einfach nicht mitteilbar. Sie ist das Einfachste von der Welt, und doch braucht man oft viele, viele Jahre der Suche, der Verzweiflung und der Sehnsucht, um sie zu machen... Und: sie führt in einen Zustand, der bleibt.

Das Leben vereinfacht sich, man erkennt Probleme als selbst gemacht. Man fühlt sich nicht mehr getrennt. Die Sehnsucht ist erfüllt, die Suche zu Ende. Das Ego ist nach wie vor in gewisser Weise da – man denkt auch weiterhin, doch es verläuft alles in ganz anderen Bahnen. Nicht mehr zentriert auf dieses vermeintliche „Ich“, sondern auf das wahre Ich, das mit allem verbunden ist und wesenhaft zu Gott gehört, der das Sein an sich ist. Die Voraussetzung dafür ist, dass alle Konzepte, alle Bilder von der Schöpfung oder von Gott, alle Anker, die man ausgeworfen hat, weg fallen. Man stellt sich vor das Nichts und gipfelt schließlich in dem, was Jesus Christus „Selbstverleugnung“ genannt hat – man lehnt es ab, sich weiterhin mit dem eigenen Ich zu identifizieren. Dann kann kommen, was ist, war und immer sein wird.

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